Kötzschenbroda, Hauptstraße 19

Radebeul, Altkötzschenbroda 19 im Laufe der Zeit


       

       

1900? Straßenlaterne und Schwalbenschwanzgauben,

Erdgeschoß Bäckerei und Hutgeschäft

          

um 1930? ohne Straßenlaterne, Licht über der Straße

                             

       












             




Unser Haus hat viel gesehen. Die Erben des „Berge-Bauern“ verkauften das Grundstück nach seinem Freitod 1837. Danach wurde ein Teil des Langhauses abgebrochen und 1839 das jetzige städtische Haus errichtet. Bei den Initialen über der Eingangstür I.W.P. steht das P. für Päßler, dem neuen Eigentümer. Er war ein wohlhabender Bäcker aus Schmölln. Bis in die 1950-er Jahre hinein war hier das Bäckerhandwerk angesiedelt. Bäcker Hahn war der letzte seiner Zunft.

Auf dem ersten Foto um das Jahr 1900 herum ist links die Bäckerei und rechts ein Hutgeschäft zu sehen. Es war auch eine öffentliche Wäschemangel im Grundstück. Heute wird das Haus als Gasthaus geführt mit Restaurant und mehreren gut eingerichteten Ferienwohnungen.



Die Schwarze Seele von 1837, eine untröstliche Seele?

Eine wahre Geschichte zu unserem Haus hier beschrieben:

Hauptstraße 19


Immer schön eens nachm andern!

So, stelle ich mir vor, hat er gesprochen, der Berge-Bauer, in jenen Jahren nach 1830.

Eens baut nämlich offm andern off!



Das war ja nicht ungewöhnlich, daß ein Bauer „Weltgedanken“ hatte, gar nicht ungewöhnlich war das. Du sitzt aufm Wagen, der Blick geht hin über die gleichmäßig bewegten Pferdeärsche in die Welt, und dorthin gehen die Gedanken ooch. Wer wach ist, unter dem Himmel, der erfährt die Welt ooch in der Nähe!

Sommer und Winter.

Tag und Nacht.

Die Zeit ist ganz natürlich bewegt, wie zwee Pferdeärsche, eens nachm andern.

Und die Gedanken gedeihen am besten, wennde nicht nur die Bewegung vor dir hast, sondern hinter dir der Wagen voll beladen ist mit reifem Getreide: Ernte: Da schmeckt der Schweiß wie Honig!

Ernte: Kein schöner Wort ist auf der Welt. Da ist ein Jahr vorausgegangen: fürsorglich überstandenem Winter folgte der Lenz mit frischem Grün, mit Pflug und Aussaat, der Sommer voll Hoffnung dann, Hoffnung und Pflege, bis, gern sag ichs noch mal, das schöne Wort: Ernte kommt: Reife des Jahres macht vergessen alle Plag.


Samuel David Berge hat dieses Leben in sich getragen. Er hat es über Pferderücken hin tausendfach meditiert, und er sah, daß es gut war. Der Bauer muß Forderungen stellen; an sich selber zuerst, an Pferd und Schmied und an seinen Acker. Und er muß Forderungen erfüllen: Mit Sonnenaufgang im Stall, wenn der Frost raus ist, auf dem Acker muß er sein. Die Zeichen der Zeit muß er erkennen, das verlangen Herz und Verstand;   die Ernte - gern sag ich das schöne Wort noch mal - aber die Ernte will mit Fleiß und voll Demut empfangen sein. Ein Dummkopf kann nie ein Bauer werden, wie Samuel David Berge einer war.


Schließlich aber hatte jener Engländer eine Möglichkeit gefunden, aus Wärme Bewegung zu erzeugen. Das war der Beginn der Raserei.

Das Zauberwort „Energieumwandlung“ setzte auch in der Philosophie eine Entwicklung in Gang, die das Bibelwort „Alles hat seine Zeit“ gegen den Modernismus „Geschwindigkeitsrekord“ austauschte. Das Ziel ist beliebig geworden, es entscheidet die Kürze der Zeit, in der es erreicht ist. Das ist was für Dummköpfe, für Bauern ist das nichts.

1835 fuhr, um in Deutschland zu bleiben, eine Dampfeisenbahn von Nürnberg nach Fürth. Sachsen streckte sich nach der ersten Ferneisenbahn: Leipzig - Dresden. Die Planungen sahen vor, daß auch Kötzschenbrodaer Land überquert werden sollte. Die Planungen haben - bevor die Raserei auf den Gleisen begann - manch Bäuerlein zur Raserei gebracht: Schließlich gings nicht nur durch die Wälder, durch die Auen! Nein! über Äcker gings, über Wiesen und Felder. Und damals hing ein Bauer noch am Besitz. Wie für Samuel David Berge, dürfte auch für manch anderen Bauern die wohldurchdachte Welt ins Wanken geraten sein. Die Raserei kündigte den Weltuntergang an, den Berge für sich selbst vorgreifend in Anspruch nehmen wollte.


Sein Lebelang war Samuel David Berge gut gelaunt im Pferdestall erschienen. Die Tiere kannten ihn nicht anders als singend. Man kann wohl sagen, sie liebten einander, die Pferde und der Bauer, sie liebten einander, wie sie miteinander und füreinander arbeiteten.

Nun aber hatte der Bauer schon tagelang flennend aufm Haberkasten gesessen: Enteignet hatten sie ihn! Quer durch seine Äcker, die sich von Kötzschenbroda bis an den Fuß des Steilhanges zogen, würde künftig dieses Ungeheuer schnaufen! Die duftenden Pferdeärsche konnten ihn nicht trösten: Was soll bloß werden! Was soll bloß werden!

Die Bäuerin keifte ihn raus immer wieder: Heulst hier rum und siehst keene Arbeet nich mehr! Wenn nu alle so wärn!

Wenn alle so wärn, blafft er zurück, hätt mer zusammengehalten, hätt mer standgehalten und es gäb das Unglück nicht!

Aber die Bäuerin winkte ab. Sie mußte sich ums Nächstliegende kümmern; sie hatte weder Zeit noch Verstand für sinnlosen Streit.

Enteignet hatten sie ihn.

Gut.

Aber es hatte Geld gegeben dafür, nicht weniger übrigens, als die andern auch erhalten hatten, die Freiwilligen. Er, der Berge-Bauer, bocksbeenich, wie er nu mal war, hätte das Geld ja liegen gelassen, wär sie nicht mit gewesen, die Bäuerin, die gelernt hat, an seiner Seite, das Zeug zusammenzuhalten. Nun betritt er das Zimmer nicht mehr, wo die Kassette steht. Übel wird ihm, sagt er, übel ...

Was soll bloß werden!


Eine Nachricht aus dem Familienarchiv: „Untröstlich durch den Verlust eines Streifen Landes durch Enteignung seitens des Staates, wofür er eine entsprechende Entschädigungssumme erhielt, beim Bau der Leipzig-Dresdener Bahnlinie, erhängte sich Samuel David Berge am 7. November 1837 auf dem Dachboden seines Hauses.“

Wie G.W. Schubert berichtet, haben die Erben den Besitz in 22 Einzelstücke „parcellirt“. Das Haus wurde abgerissen. Die 1839 an dessen Stelle errichtete Bäckerei, ein stolzes traufständiges, herrschaftlich anmutendes Gebäude, nimmt das sich eine Generation später manifestierende „städtische Bewußtsein“ vorweg.  Es zeigt das Erstarken eben jenes Zukunftsgeistes, vor dem Berges untröstliche Seele in den Tod sich flüchtete.

Nicht jeder Fortschritt eignet sich für Zukunftsträume.











Die Bedrohung für Samuel David Berge 1837:  erste Dampfschiffe in Kötzschenbroda. Die Dampflokomotive „Saxonia“, die auch auf der Strecke Leipzig - Dresden über Berge - Bauers Land fuhr.


Prof. Johann Andreas Schubert war Mitbegründer der „Sächsischen Elbe-Dampfschiffahrtsgesellschaft“. Er konstruierte das erste Dampfschiff auf der Oberelbe, die „Königin Maria“. Schubert konstruierte und baute in Dresden Übigau auch die „Saxonia“.

Das Teilstück Radebeul/Weintraube-Dresden wurde am 19. Juli 1838 in Betrieb genommen. Am 8. April 1839 bei der Eröffnung der ersten deutschen Fern-Eisenbahnstrecke zwischen Leipzig und Dresden fährt Schubert mit der von ihm konstruierten ersten funktionstüchtigen in Deutschland entwickelten und gebauten Dampflokomotive „Saxonia“ hinter dem offiziellen Zug her – der wird von zwei englischen Loks getrieben.




Die Hauptstraße wurde 1935 in Altkötzschenbroda umbenannt.


Die Geschichte des Berge Bauern´s finden Sie in dem Buch „Altkötzschenbroda“, erschienen im

Notschriften-Verlag, Altkötzschenbroda 40, 01445 Radebeul



Liebe Gäste,

dieses Haus wurde 1839 erbaut. Wir möchten Ihnen einen Bezug zur damaligen Zeit und einen Versuch zur Namensgebung geben:


Zeitliche Einordnung:

* Tod: Samuel David Berge (Haus- und Grundstückseigentümer)  am 7. November 1837

  1. *Verkauf des Grundstückes durch seine Erben: Parzellierung in 22 Stücke

  2. *Da die Grundstücke aus Haupt- und Auszugshaus bestanden, wurde wahrscheinlich das Auszugshaus ganz und das Haupthaus teilweise abgerissen

  3. *1839: Das neue, städtische Haus wurde durch den Bäckermeister Päßler erbaut

  4. *Das neue Haus hat trotz seiner starken Mauern eine Fachwerkkonstruktion auf genau den Grundrissen der beiden vorherigen Häusern

  5. *Entweder hat man die Grenzbebauung der alten Häuser nutzen, oder man hat die Wände der alten Häuser für das neue Haus genutzt


1814 Napoleon wurde geschlagen > Ende der französischen Besatzung

1815 Wiener Kongress > Restauration > Wiederherstellung der alten Ordnung > Rückgängigmachung der Eroberungen Napoleons > Preußen bekommt: Posen, Danzig Provinz Sachsen


Biedermeierzeit: 1815 - 1848

  1. Kultur- und Kunst des Bürgertums

  2. häusliches Glück

  3. Gemütlichkeit

  4. Kaffeekränzchen

  5. Kaffeeklatsch

  6. Kaffeehäuser

  7. Stammtisch

  8. Wohnstube

  9. Ausbildung des häuslichen Weihnachtsfestes in der heutigen Form (Weihnachtsbaum, -lieder, -bescherung)

  10. handwerkliche Qualität

  11. Sehnsucht nach einfachem, harmonischem Leben

  12. Hausmusik

  13. Spitzweg

  14. Ludwig Richter

  15. Kaschmirschal und Sonnenschirm



aber auch beginnende Industrialisierung

1769 Dampfmaschine

1829 Lokomotive „Rocket“, England

1835-1841 Große Treck der Buren in Südafrika

1837 legt erstes Dampfschiff in Kötzschenbroda an

1838 sächs. Landgemeindeordnung (Lößnitz mit Oberlößnitz und Niederlößnitz entstehen)

1837-1839 erste Ferneisenbahn Deutschlands Dresden - Leipzig über Kötzschenbroda

1839 Pflanzung der Linde vor der Kötzschenbodaer Kirche anläßlich des 300-jährigen Reformationsjubiläums

1839 Gründung der ersten unabhängigen Burenrepublik Natalia in Südafrika

1839 180 Jahre Weinbau in Südafrika (erster Wein wurde 1659 gekeltert)


Weinbau in Südafrika und Biedermeierzeit

* der so genannte Kapwein war im 18. und 19. Jahrhundert in Europa sehr beliebt

* am begehrtesten war der Vin de Constantia, ein süßer Constantia-Wein allererster Güte

  1. *Wer trank ihn?: die europäischen Höfe

  2. *der sächsische August der Starke (1670 -1733)! trank ihn ausgesprochen gerne

  3. *ebenso der Preußenkönig Friedrich der Große (1712-1786)

  4. *Klopstock (1724-1803) und

  5. *der französische Kaiser Napoleon auf der Insel Helena (1769-1821)


  1. *in der Zeit um 1839

  2. *Charles Dickens (1812-1870)

  3. *Bismarck (1815-1898)


Der Wein aus der Kapprovinz war neben dem Tokajer ein sehr beliebter Wein. Er gehörte einfach in die damalige Zeit.


Im November 1999, im Monat des Todes des Berge - Bauers und 160 Jahre nach Erbauung des jetzigen modernen Hauses Altkötzschenbroda 19 eröffnete die „Schwarze Seele“ ihre Pforten und wird jetzt als freundliches Gasthaus von der Familie Jowatzky geführt.

Der Name „Schwarze Seele“ ist eine Anlehnung an Samuel David Berge. Ob er uns beobachtet, wissen wir nicht, auf jeden Fall konnte er mit seinem Freitod die rasante Entwicklung nicht aufhalten. Auch wurde er von seinen Erben rasch mehr „enteignet“, als vorher durch den Staat.

Also, was soll‘s? Sind wir unaufgeregter. Lassen wir der „Schwarzen Seele“ ihre Ruh.   


Wir fühlen uns der Zeit um 1839 verpflichtet. Kehren Sie also ein, erleben Sie sächsische Gemütlichkeit, machen Sie ein Kaffeekränzchen oder übernachten Sie bei uns.

Sie werden erstklassige Wohnungen vorfinden.

Kulinarisch verwöhnen wir Sie mit sächsischen Gerichten, vor allen Dingen mit Fleisch vom ökologisch arbeitenden Missionshof Lieske, sächsischem und böhmischem Bier, Radebeuler Wein und natürlich Wein aus der Kapprovinz Südafrikas.


Als Besonderheit dürfen wir Ihnen unsere gereiften Weine und ersten Gewächse aus Südafrika und dem Rest der Welt empfehlen.



 

Hochwasser 2002

2009, Erdgeschoß „Schwarze Seele“, 1. Etage und Dachgeschoß Ferienwohnungen

Hausgeschichten

Franz von Defregger „Männerbildnis“

30-er Jahre? Kaffeeklatsch im Hof; Brunnen im Hof, ein Sack Wallnüsse auf dem Tisch

1989, Erdgeschoß Wohnungen, die Treppe ist ins Hausinnere gebaut worden

Eine der ältesten Photographien überhaupt. Altes sächsisches Paar. 1843.

Daguerrotypie.